„Pferdegerecht“ – Was heißt das eigentlich?

Instinkte des Pferdes und natürliche Verhaltensweisen sollten in Haltung, Umgang und Training Beachtung finden

Im Unterschied zu uns Menschen oder auch anderen uns nahestehenden domestizierten Haustieren wie dem Hund werden unsere Pferde in enormem Umfang durch ihre Instinkte geleitet. Diese sind sehr ausgeprägt und auf ein einziges Hauptziel ausgerichtet: Überleben. Die Instinkte können einem Pferd nicht einfach „aberzogen“ werden, zumindest nicht ohne dem Tier Schaden zuzufügen. Viel sinnvoller ist es, dass wir Menschen unser logisches Denkvermögen einsetzen und uns das Wissen um die naturgegebenen Instinkte des Pferdes beim Umgang mit ihm zunutze machen.

Pferde sind Herdentiere (siehe: „Das Pferd als Herdentier“ auf dieser Seite). Um dem Pferd gute Rahmenbedingungen für ein zufriedenes Leben schaffen zu können, sollten wir dies zunächst in unserer Pferdehaltung berücksichtigen. Ein Pferd darf also nie allein oder ganz abgetrennt von Artgenossen gehalten werden. Zieht man in Betracht, dass wir uns ja nur eine begrenzte Zeit des Tages mit dem Pferd beschäftigen, selbst wenn wir das so pferdegerecht wie möglich tun, so ist das Tier den gesamten Rest des Tages „sich selbst überlassen“ und nutzt die Wohn- und Beschäftigungsmöglichkeiten, die wir ihm bereitstellen.

Als Pflanzenfresser sind Pferde darauf angewiesen, dass ihnen den ganzen Tag über oder zumindest in regelmäßigen Abständen ausreichend und am Besten qualitativ hochwertiges Futter zur Verfügung steht. Ihr Verdauungssystem kann durch zu lange Pausen zwischen den einzelnen Fütterungen in seiner Funktion beeinträchtigt sein. Der Dauerfresser Pferd verbringt in der freien Wildbahn etwa 18 bis 22 Stunden mit der Nahrungsaufnahme, allerdings handelt es sich bei dem Futter dann in der Regel um karges Grasland. Wer nun allerdings sein leichtfuttriges Pferd den ganzen Tag auf eine fette Weide stellt oder es mit kalorienreichem Heu versorgt, das rund um die Uhr ad libitum zur Verfügung steht, tut seinem Tier leider auch nichts Gutes: Unweigerlich wird es zur Verfettung und damit zu „Wohlstandserkrankungen“ kommen wie z.B. EMS (Equines metabolisches Syndrom), was auch mit noch so viel Bewegung nicht ausgeglichen werden kann!
Selbstverständlich sollte das Pferd jederzeit Zugang zu sauberem Wasser haben. Ganz indiskutabel sollten für jeden Tierfreund natürlich jene Methoden sein, die in manchen Teilen der Welt angewandt wird, um die Pferde durch Wasser- und Nahrungsentzug gefügig zu machen.

Dass Pferde reine Pflanzenfresser sind, sollten wir selbstverständlich auch in unserem Training bzw. im Umgang mit ihnen beachten. Anders als Fleischfresser, die ihre Beute erjagen müssen, steht einem Pflanzenfresser Futter meistens einfach so zur Verfügung. Aus diesem Grunde kann das Futter nicht wie beim jagenden Fleischfresser als „Belohnung“ dienen. Die Methode, ein Pferd über die Gabe von Leckerlis oder anderem Futter belohnen zu wollen, ist aus diesem Grunde schlichtweg nicht möglich. Mal abgesehen von der Tatsache, dass das Leckerli dem Pferd gar nicht während der sehr kurzen Zeitspanne verabreicht werden kann, die das Pferd benötigt, um einen Bezug zur gerade vollbrachten Leistung herzustellen, ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass bei Pflanzenfressern das Belohnungszentrum im Gehirn durch jegliche Nahrungsaufnahme nicht aktiviert wird. Leider fördert die Gabe von Futter aus der Hand meistens zudem noch Respektlosigkeit; der Mensch gibt zusammen mit dem Leckerli auch seinen höheren Rang ab und macht sich selbst die Arbeit mit dem Tier unnötig schwer, oft zu beobachten sind deswegen auch aufdringliche oder manchmal sogar beißende Pferde. Sämtliche Pferde, die diese Verhaltensweisen zeigen, sind vom Menschen dazu erzogen worden, das sollten wir bedenken. Zu leichtfertig wird über dieses Pferd dann geurteilt, als wäre es „böse“, und dabei zeigt es diese Verhaltensweise doch nur, weil sie ihm von einem Menschen beigebracht wurde! (Gleiches gilt übrigens nicht nur für das Füttern aus der Hand, sondern auch für das Ablecken lassen: Der Mensch, der dieses tut, degradiert sich selbst zum Salzleckstein.)

Überlebenswichtig für das Pferd ist sein Fluchtinstinkt. Pferde sind stets auf der Hut vor potentiellen Angreifern. Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der Umgang mit einem Pferd hat. Alles was neu oder fremd ist, wird meistens zunächst als mögliche Gefahr wahrgenommen, dabei kann es durchaus vorkommen, dass das Pferd vor etwas Angst hat oder scheut, was wir nicht einmal bemerken. Wir können dem Pferd nur dadurch gerecht werden, dass wir seine Ängste ernst nehmen und Verständnis für seine Gefühle zeigen. Der oft gehörte Satz: „Der muss da jetzt durch!“ ist deshalb absolut nicht mit pferdegerechten Trainingsmethoden vereinbar: Das Pferd ist in Momenten großer Angst oder gar Panik überhaupt nicht in der Lage, die ihm gestellte Aufgabe in diesem Augenblick zu erfüllen, was auf seine natürlichen Gehirnprozesse sowie seine Energiebereitstellung im Körper während Gefahrensituationen zurückzuführen ist. Wer diese und weitere wissenschaftlich erforschten Hintergründe kennt und ein Gespür dafür mitbringt, in welcher Verfassung sich das Pferd gerade befindet, kann dann auch adäquat reagieren und das Training entsprechend anpassen. Selbstverständlich soll daraus dann keine „Vermeidungstaktik“ oder ein Verhätscheln des Pferdes entstehen, sondern der Lernprozess kann kontinuierlich erfolgen, indem man sich Stück für Stück mit dem Pferd zusammen zum gewünschten Ergebnis vorarbeitet. Das Pferd soll gefördert, aber nicht überfordert werden und schon gar nicht soll es durch den Zustand der Reizüberflutung in eine Situation gebracht werden, in der eine Panik provoziert wird. Es zeugt sicher nicht von Fachkompetenz, wenn der Mensch ausschließlich seine eigenen Ziele und Wünsche vor Augen hat und das Pferd stets nur „beherrscht“ werden muss, um diese durchzusetzen. Wer sich im Gegenteil bemüht, sein Pferd zu verstehen, ist in der Lage durch dieses Verständnis eine Basis des Vertrauens zu schaffen, auf der dann eine solide Partnerschaft wachsen kann, die sowohl für das Tier als auch für den Menschen ein Gewinn ist.

Damit ein Trainingserfolg nachhaltig erreicht werden kann, muss das Pferd körperlich, seelisch und geistig in der Lage sein, die gestellten Aufgaben zu erfüllen.


Außerdem sollte man dem Pferd immer mit Wohlwollen begegnen und sich klar darüber sein, dass alles, was das Pferd gerade tut, in dem begründet ist, was ihm entweder zuvor schon (unabsichtlich?) beigebracht wurde oder was es in diesem Moment gerade als „Aufgabe“ verstanden hat. Es gibt keine „bösen“ Pferde; ein taktisch geplantes Vorgehen, um uns zu ärgern, ist ihnen nicht möglich. Pferde reagieren auf uns Menschen oder auf die Umwelt im Allgemeinen. Sollte also eine Aufgabe, die man dem Pferd gestellt hat, nicht (richtig) erfüllt werden, sollte man den „Fehler“ nicht primär beim Pferd suchen wollen, auch wenn dieses die Aufgabe offensichtlich falsch verstanden hat. Durch eine konstruktive Selbstreflektion ist der Mensch in der Lage, eventuell eine andere Vorgehensweise wählen zu können, um sein Ziel mit Ruhe und Geduld zu erreichen. Jedes Pferd, das in seinem Menschen einen so verständnisvollen Partner an seiner Seite weiß, wird es ihm ohne Zweifel danken!

© by Astrid Winterhalter
www.isi-beritt.com